Wenn ein katholischer Koreaner sagt: „Ich gehe zur 성당 (seong-dang)“, dann meint er die Katholische Kirche. Er gebraucht dann aber ein Wort, das mehr enthält als eine Ortsangabe. Es erzählt von koreanischer Geschichte, von den kulturellen Wurzeln, und auch von der Vielfalt christlichen Lebens in diesem Land.
Das Wort 성당 (ausgesprochen etwa: seong-dang, mit kurzem „o“ wie im englischen song) wird mit chinesischen Schriftzeichen 聖堂 geschrieben. Auf Chinesisch spricht man sie Shèngtáng aus. 聖 / Shèng bedeutet „heilig“, 堂 / táng „Halle“ oder „Gebäude“. Wörtlich heißt 성당 also: „heilige Halle“.
Diese Herkunft ist kein Zufall. Der katholische Glaube gelangte im späten 18. Jahrhundert über Kontakte koreanischer Gelehrter zu christlichen Schriften und Missionaren in China nach Korea. Mit ihm wurden Begriffe aus der chinesischen christlichen Tradition übernommen und in koreanischer Aussprache verwendet. Auch die Bezeichnung 천주교 (cheon-ju-gyo, 天主敎) hat diesen Ursprung. Auf Chinesisch heißt das Tiānzhǔjiào (tjen-dschu-dschiao) und bedeutet „Religion des Herrn des Himmels“.
Die katholische Sprache in Korea trägt deshalb bis heute eine starke sino-koreanische Prägung: Sie verbindet die Weltkirche mit der ostasiatischen Bildungstradition.
Als im späten 19. Jahrhundert protestantische Missionare ins Land kamen, entstanden weitere christliche Sprachgewohnheiten. Evangelische Gemeinden bezeichnen ihr Kirchengebäude gewöhnlich als 교회 (gyo-hoe, 敎會), auf Chinesisch Jiàohuì) – wörtlich „Glaubens- oder Lehrversammlung“, der Begriff selbst wird jedoch von allen Konfessionen auch im allgemeinen Sinn für „Kirche“ verwendet.
Dieser Begriff betont aber auch die Gemeinschaft der Gläubigen. Beide Perspektiven gehören zum christlichen Glauben: Kirche als versammeltes Volk Gottes – und Kirche als heiliger Ort, an dem Gottes Gegenwart gefeiert wird.
So sind die unterschiedlichen Worte weniger ein Gegensatz als vielmehr verschiedene Akzente innerhalb des gemeinsamen Glaubens an Christus. Im Alltag zeigen sie die konfessionelle Vielfalt, die das Christentum in Korea prägt. Das ist eine Vielfalt, die heute vielerorts von gegenseitigem Respekt und wachsender Zusammenarbeit getragen wird.
Auch beim Namen Gottes spiegelt sich diese Geschichte. Katholiken sprechen von 하느님 (ha-neu-nim). Das Wort geht auf 하늘 („Himmel“) zurück und bedeutet „der Himmlische Herr“. Es knüpft an eine alte koreanische religiöse Vorstellung an und bringt den Glauben an den einen Gott in einer tief verwurzelten, einheimischen Wortwahl zum Ausdruck. (Im traditionellen Korea gab es neben Ahnenkult, Naturverehrung und schamanischen Praktiken auch die Vorstellung eines höchsten himmlischen Herrschers.)
Andere Christen verwenden häufig 하나님 (ha-na-nim), das klanglich ähnlich ist, den ethymologischen Ursprung auch im Himmelsherrn hat und ebenfalls den einen Gott bezeichnet. Trotz unterschiedlicher Sprachformen bleibt die gemeinsame Mitte deutlich: der Glaube an den einen Gott und an Jesus Christus.
Wenn wir diese Begriffe betrachten – 성당 / Shèngtáng, 교회 / Jiàohuì, 천주교 / Tiānzhǔjiào –, wird sichtbar, wie eng Glaube, Sprache und Geschichte miteinander verbunden sind. Die Worte erzählen von den Anfängen der Kirche in Korea, von ihrem Wachstum in unterschiedlichen Traditionen und von der Verwurzelung des Evangeliums in der Kultur dieses Landes.
Wer am Sonntag zur Katholischen Kirche/ Seongdang 성당 geht, denkt damit die Erfahrung vieler Generationen mit – ihr Vertrauen, ihre Hoffnung und ihre Treue. Zugleich erinnert uns die Varianz der christlichen Sprache daran, dass wir unseren Glauben nicht allein leben, sondern in einer großen Gemeinschaft von Christen, die – bei aller Unterschiedlichkeit – denselben Herrn suchen und bekennen.
Solche Worte sind geschichtstragend. Und sie können Brücken bauen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kulturen und auch zwischen Konfessionen.
Ihr und euer Diakon Edgar