Predigt zu Joh 4,5-42 – Die Frau am Jakobsbrunnen
Als ich anfing, Theologie zu studieren, hab ich sehr schnell gemerkt, dass jeder Professor das eigene Fach für das wichtigste an der ganzen Universität hielt. Für uns Anfänger war das durchaus verwirrend. Wir haben dann schnell festgestellt, dass auch die Professoren Menschen waren, die nur mit Wasser gekocht haben. Wir fingen an, kritisch zu hinterfragen, ob zum Beispiel die Methoden, die uns da präsentiert wurden, so absolut gesehen werden mussten, oder ob es nicht dazu auch Alternativen gab.
Dennoch mussten wir uns darauf einlassen, dass bei den Prüfungen jeweils die Lieblingsmethode des Professors abgefragt wurde. Wer die nicht beherrschte, hatte schlechte Karten.
Solche Lieblingsmethoden gab und gibt es auch in der Exegese. Die Exegese, das ist die Auslegung bzw. Interpretation von biblischen Texten. Im Verlauf der letzten Jahrhunderte hat sich da einiges verändert, und die jeweiligen Vertreterinnen und Vertreter haben immer viel Wind um ihre Methode gemacht.
Die Exegese von Johannes Kapitel 4, das ist das heutige Evangelium von der Frau am Jakobsbrunnen, ist ein Paradebeispiel dafür, wie Zeitgeist, Rollenbilder und theologische Vorannahmen den Blick auf einen Text lenken.
Ich möchte heute darüber sprechen, wie unterschiedlich diese Bibelstelle im Verlauf der Jahrhunderte gedeutet wurde.
1. Schritt: von der Frühen Neuzeit, etwa ab 1450, für 500 Jahre bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Das war die klassische Sicht: Diese Frau am Jakobsbrunnen war einfach die „Sünderin“.
Lange Zeit wurde die Erzählung fast ausschließlich durch die Brille der Moral gelesen.
Die Deutung war: Die fünf Männer der Frau wurden als Zeichen für ihre sexuelle Zügellosigkeit interpretiert, und das Gespräch mit Jesus wurde als „Bekehrungsgespräch“ einer reuigen Sünderin gewertet. Oder es wurde sogar von einem „schadhaften Leben“ gesprochen.
Dabei hat man völlig ignoriert, dass Frauen in der Antike oft nicht selbst die Scheidung einreichen konnten. Fünfmalige Ehelosigkeit könnte auch auf eine tragische Witwenschaft oder auch Verstoßung hindeuten.
2. Schritt: Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Szene religionsgeschichtlich gedeutet. Man hat von einer Allegorie gesprochen. Eine Allegorie ist eine Erzählung, die Wahrheiten über das menschliche Dasein offenbart. Das war Teil der historisch-kritischen Methode. Man suchte nach symbolischen Hintergründen.
Und die Deutung war: Die Frau steht gar nicht für eine Einzelperson, sondern ist eine Allegorie für das ganze Volk der Samariter, das sich zu Jesus bekehren soll.
Die „fünf Männer“ würden sich dann auf die Geschichte Samariens beziehen. Dort waren 800 Jahre zuvor mehrere Volksgruppen angesiedelt worden, die insgesamt 5 Götter verehrt hatten.
Diese Deutung macht aber aus einer lebendigen Begegnung eine abstrakte Geschichtsstunde. Sie entpersonalisiert die Frau komplett.
3. Schritt: Die feministische Sicht, etwa seit 60 Jahren: Hier kippt das Bild massiv und geht weg von der Sünderin, hin zur mutigen Zeugin.
Die Deutung diesmal: Die Frau wird als die erste Missionarin und Apostolin der Samariter gesehen. Das Gespräch ist kein Verhör, sondern ein hochtheologischer Dialog auf Augenhöhe, und zwar über den richtigen Ort der Anbetung Gottes). Dass die Frau am Ende ihren Krug zurücklässt, wird symbolisch mit dem Verlassen der Netze durch die Jünger verglichen, die dann Jesus nachfolgen.
Es wird betont, dass Jesus die Frau als theologische Partnerin ernst nimmt.
4. Schritt: Heute
Heute schaut man darauf, wie der Text als literarisches Kunstwerk funktioniert und welche Machtstrukturen er aufbricht.
Heute versteht man die Szene so: Sie erinnert an bekannte Geschichten aus der Bibel, in denen sich Paare am Brunnen treffen, um zu heiraten (wie bei Isaak oder Jakob). Doch hier wird einiges bewusst verdreht:
Es ist keine Hochzeit: Es geht nicht um eine Ehe zwischen Mann und Frau, sondern um die Verbindung zwischen Gott und dem Menschen.
Es geht um die Überwindung der Feindschaft: Ein wichtiger Punkt ist der Konflikt zwischen den verschiedenen Volksgruppen (Juden und Samaritern), der hier deutlich angesprochen wird.
Während ältere Exegeten die Frau als „unwissend“ hinstellten, sehen moderne Exegeten in ihr eine Frau, die Jesus rhetorisch herausfordert („Hast du denn einen Schöpfeimer?“).
Wer war nun diese Frau?
War sie Sünderin oder Apostolin: War sie eine Frau mit zweifelhaftem Ruf oder die erste, die verstand, wer Jesus wirklich ist?
War sie Objekt oder Subjekt: Ist sie nur eine Kulisse für Jesu Lehre, oder doch eine aktive Gesprächspartnerin, die Jesus sogar dazu bringt, sich klarer zu offenbaren als gegenüber den Jüngern?
Wenn Exegeten und Exegetinnen über Jahrhunderte so unterschiedliche Dinge in denselben 42 Versen finden konnten, dann deshalb, weil die alle ihre eigene Zeit und ihre eigenen Fragen mitbrachten. Man könnte sagen: Die Bibel antwortet so, wie man sie fragt.
Und das ist gut so.
Man muss nicht Theologie studiert haben, um sich eine Meinung über die Begegnung am Jakobsbrunnen zu bilden.
Und das gilt auch für andere Bibelstellen. Manchmal bleibt ein Wort oder Satz hängen. Manchmal ist es ein Gefühl, eine Erinnerung aus dem eigenen Leben, eine Sehnsucht, die mir bewusst wird beim Hören oder Lesen der Bibel.
Jesus spricht zu mir. Jesus spricht zu dir. In unserer Muttersprache. Mit seinen Worten. Er möchte sich nicht aufdrängen.
Er möchte einfach, dass wir ihm zuhören und sein Wort wirken lassen.
Und er spricht:
Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen;
wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt.
Und ich schließe mit einer Bitte: Stellt euch die Frage: Was bedeutet dieses Wasser von Jesus für mich, für mein Leben, für meinen Glauben?
Amen.
Diakon Dr. Edgar Krumpen
Deutschsprachige Katholische Gemeinde Korea
www.dkgkorea.info