Vom Zelt zum Tempel zum Tabernakel:
Überlegungen zu Sir 24,1-2.8-12
Jesus Sirach, genauer Jesus Ben Sira, lebte um 190 vor Christus in Jerusalem als jüdischer Weisheitslehrer. Er wirkte in einer Zeit großer Umbrüche, in der die jüdische Welt stark von griechischer Kultur geprägt war. Viele Menschen standen vor der Frage, wie der Glaube an den Gott Israels in dieser neuen Welt gelebt werden kann – und ob Gott in all dem noch nahe ist oder fern erscheint.
Sirach antwortet auf diese Frage theologisch: Er spricht von der Weisheit Gottes, die nicht im Himmel bleibt, sondern einen Ort sucht. Einen Ort zum Wohnen. „In Jakob schlage dein Zelt auf“, hört er Gott sagen. Und: „So wurde ich in Zion fest eingesetzt.“
Jesus Sirach blickt damit auf die Geschichte Gottes mit seinem Volk zurück, auf einen Gott, der nicht auf Distanz bleibt, sondern Nähe sucht. Einen Gott, der zuerst im Zelt unter den Menschen wohnt und dann im Tempel einen festen Ort erhält.
Wir Katholiken machen aus diesem Doppelschritt einen Dreischritt und glauben: Gott ist im Tabernakel gegenwärtig. Dieser Dreischritt erzählt keine Architekturgeschichte, sondern eine Glaubensgeschichte: Die Geschichte eines Gottes, der mitten unter den Menschen wohnen will.
Schauen wir uns den Dreischritt genauer an:
1. Das Zelt: Gottes mitgehende Gegenwart
Die Vorstellung des Zeltes Gottes lässt sich historisch einordnen in die Zeit vom Exodus bis zur Errichtung des salomonischen Tempels (ca. 13./12. Jh. v. Chr. bis ca. 960 v. Chr.), geht aber theologisch weit darüber hinaus.Das Zelt Gottes unter den Menschen ist ein Bekenntnis Gottes: Ich gehe mit. Ich bleibe nicht zurück. Ich bin mitten unter euch.
Hier ist es wichtig, kurz über die Bundeslade zu reden. Die Bundeslade war das heiligste Objekt des antiken Judentums. Über Jahrhunderte war für das Volk Israel die Bundeslade der Mittelpunkt, das Zeichen für die Gegenwart Gottes unter den Menschen. Sie war eine mit Gold überzogene Akazienholz-Truhe, auf deren Deckel zwei goldene Cherubin, himmlische Wesen, Wächter der göttlichen Gegenwart, thronten. Darin waren die beiden Steintafeln mit den zehn Geboten, ein Krug mit Manna (Himmelsbrot) und der blühende Stab des Aaron. [Nach Ex 16,33–34 (Manna) und Num 17 (Aarons Stab) könnten sie auch in der Nähe der Lade aufbewahrt worden sein.]
Damit war die Bundeslade das zentrale Heiligtum im Allerheiligsten des Tempels von Jerusalem, den nur der Hohepriester einmal im Jahr betreten durfte. Sie vergegenwärtigte den Bund zwischen Gott und seinem Volk. Seit der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. durch die Babylonier unter König Nebukadnezzar II gilt die Bundeslade als verschollen.
Mit diesen Informationen gehen wir wieder zu Jesus Sirach, der lebte ja 400 Jahre später. Er hatte keine Bundeslade mehr, auf die er zeigen konnte. Aber er wollte den Menschen mit dem Bild des Zeltes klarmachen, dass Gott da ist.
Ein Zelt ist provisorisch. Es wird auf- und abgebaut. Es schützt, aber es ist nicht unverwundbar. Genau so will Gott bei seinem Volk wohnen: nicht über den Menschen, sondern auf Augenhöhe, im Unterwegssein, im Noch-Nicht-Angekommen-Sein.
Der Gott Israels ist kein Gott der Sesshaften allein, sondern der Begleiter der Suchenden. Wo das Leben unsicher ist, wo Wege offen sind, wo Vertrauen wichtiger ist als Sicherheit: Dort steht Gottes Zelt. Nähe ist hier wichtiger als Stabilität.
2. Der Tempel: Gottes verortete Gegenwart
Der Ort Gottes entwickelt sich weiter. Mit der Zeit wird aus dem Zelt der Tempel. Das weiß Sirach natürlich auch, weil der neue Tempel bereits 70 Jahre nach der Zerstörung des ersten Tempels gebaut worden war. (Weil er aber keine Bundeslade mehr hat, auf die er verweisen kann, nimmt der das alte Motiv des Zeltes.)
„So wurde ich in Zion fest eingesetzt“, sagt die Weisheit bei Sirach. Gott lässt sich festlegen. Er bindet sich an einen Ort, an eine Stadt, an eine Geschichte.
Der Tempel steht für Verlässlichkeit: Gott bleibt. Er ist nicht nur der Gott der Bewegung, sondern auch der Gott der Beständigkeit. Menschen brauchen Orte, an denen sie wissen: Hier ist Gott. Hier kann ich ihn suchen. Hier darf ich ankommen.
Doch auch der Tempel bleibt ambivalent. Er kann zum Zeichen der Nähe werden, oder zum Symbol der Selbstüberhöhung. Jesus Sirach erinnert daran: Gott wird nicht durch Mauern geehrt, sondern dadurch, dass er selbst Nähe schenkt.
3. Der Tabernakel: Gottes bleibend-sakramentale Gegenwart
Für uns katholische Christen geht dieser Weg weiter: Hinein in die Kirche, und hier finden wir den Tabernakel.
Hier ist Gott nicht mehr nur symbolisch gegenwärtig, sondern in Christus selbst. Auf stille, unspektakuläre Weise. Der Tabernakel ist kein Triumphzeichen, sondern ein Zeichen der bleibenden Hingabe: Ich bin da. Auch wenn ihr wieder weitergeht. Auch wenn ihr zweifelt. Auch wenn es still wird.
Zelt, Tempel, Tabernakel: das ist ein roter Faden. Gott verändert die Form, aber nicht die Absicht. Er bleibt der Gott, der unter uns wohnt, nicht fern über uns.
Wir können für heute mitnehmen, dass wir dem Gott vertrauen, der immer wieder neu einen Platz sucht, inmitten seines Volkes.
Das ist Trost und die Hoffnung. Gott ist da, wirklich da, und er zeigt sich in der Geschichte des Judentums und des Christentums immer wieder.
Diakon Dr. Edgar Krumpen
04. Januar 2026